Brandmauer, Mogelpackung und Mut

Was mich an der AfD-Debatte der Familienunternehmer wirklich umtreibt

Es gibt Momente, in denen man hofft, dass jemand stehen bleibt, wenn es zieht. Dass jemand, der im Sturm einmal den Fuß in den Boden gerammt hat, nicht im nächsten Windstoß umfällt wie ein Schilfrohr. Ich hatte diese Hoffnung bei Marie-Christine Ostermann. Eine Hoffnung, die in den letzten Tagen krachend enttäuscht wurde.

Denn was sich jetzt beim Verband der Familienunternehmer abspielt, ist weniger ein strategisches Zurückrudern als eine öffentliche Kapitulation. Eine Brandmauer, die gestern noch eingerissen wurde, ist heute wieder hochgezogen worden – aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst. Nicht, weil jemand argumentativ überzeugt wurde, sondern weil an den richtigen Stellen der wirtschaftliche Daumen gedrückt wurde. Ein klassischer deutscher Reflex: erst Mut signalisieren, dann einknicken, sobald die ersten großen Konzerne ihre Stirn in Falten legen.

Frau Ostermann, falls Sie das lesen:
Ich war beeindruckt von Ihrem ersten Schritt. Es hätte ein Neuanfang werden können – nicht für die AfD, sondern für eine wirtschaftliche Debatte, die endlich wieder auf Leistung, Mut und Inhalt setzt. Ein Signal an die Parteien der Mitte, dass man uns Unternehmer nicht länger mit Floskeln abspeisen kann. Stattdessen sehe ich nun, wie Sie sich von derselben Logik einfangen ließen, die unsere Wirtschaft seit Jahren lähmt: Angst vor den Großen, Angst vor den Moralwächtern, Angst vor der eigenen Courage.

Ich kenne dieses Muster. Ich erlebe es jeden Tag, wenn ich mit Bubeck in die großen Handelskonzerne hinein will. Ich stelle das gesündeste Futter her, das man einem Hund geben kann. Keine Mogelpackungen, keine Tricks mit Rohproteinen, keine weichgespülten Werbeversprechen. Doch die Einkäufer wollen mich nicht am Tisch haben – nicht, weil mein Produkt schlecht ist, sondern weil sie danach abhängig wären. Weil sie dann nicht mehr den Billigsten austauschen könnten, wenn er unbequem wird. Genau diese Logik sehe ich jetzt bei Ihrem Verband wieder: Die Größe bestimmt den Kurs, nicht die Wahrheit.

Das Einknicken war mehr als ein politisches Signal. Es war ein wirtschaftliches Offenbarungseid:
Wir haben keine Kraft mehr, Druck aufzubauen.
Wir haben keine Unternehmer mehr, die wie Unternehmer handeln.
Wir haben Funktionäre, die sich moralisch prügeln lassen wie Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr.

Ich bin enttäuscht. Nicht wütend – enttäuscht.
Weil hier eine Chance verschenkt wurde.
Weil Mut wieder einmal als Betriebsunfall behandelt wurde.
Weil man die einzige Position verspielt hat, mit der man tatsächlich hätte Druck aufbauen können: die Möglichkeit, der Politik den Spiegel vorzuhalten.

Und deshalb schreibe ich den folgenden Text nicht mehr als Analyse, sondern als Warnung. Nicht als politische Einordnung, sondern als Ausdruck einer Sorge, die tiefer reicht als parteipolitische Reflexe.

Was ist passiert?

Der Verband hat sein faktisches Kontaktverbot zur AfD aufgehoben und AfD-Bundestagsabgeordnete zu einem parlamentarischen Abend eingeladen – in Räumen der Deutschen Bank. Als die Einladung öffentlich wurde, erklärte die Bank, man werde dem Verband künftig keine Räume mehr zur Verfügung stellen. Formal nennt man das Vertragskündigung, faktisch ist es ein Rauswurf aus der guten Stube. Kurz darauf kündigten Rossmann und Vorwerk ihre Mitgliedschaft im Verband – unter Verweis auf die berühmte „Brandmauer“ zur AfD. Weitere Unternehmen prüfen ihren Austritt, linke Akteure fordern lautstark klare Distanzierungen zur AfD und erklären Schweigen schon zur halben Mitschuld.

Man kann das alles für konsequent halten. Oder für gefährlich. Ich tendiere zu letzterem.

Bevor jemand mich in die falsche Ecke sortiert: Mein Herz schlägt historisch für die CDU. Historisch – weil ich die Entwicklung der Partei in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr verstehe und viele handelnde Personen nicht als die kraftvollen bürgerlichen Köpfe erlebe, die dieses Land bräuchte. Ich habe null Interesse daran, mit der AfD koalieren zu wollen oder ihr auch nur politisch Raum zu schenken. Nicht, weil ich an den schnellen Bann glaube, sondern weil ich die Partei als das sehe, was sie aus meiner Sicht ist: ein politischer Mitbewerber, der mit ähnlichen Vokabeln wirbt wie ich, aber inhaltlich eine Mogelpackung ist.

Das ist wie auf meinem Heimatmarkt, der Tierernährung. „Gebackenes Hundefutter“ steht heute schnell mal auf einer Tüte. Aber gebacken ist nicht gleich gebacken. Wer weiß, wie der Prozess funktioniert, welche Rohstoffe wirklich drin sind und wie ehrlich die Deklaration ist, erkennt den Unterschied in der Magenwand des Hundes und in der Tierarztrechnung der Besitzer. Genau so schaue ich auf politische Angebote: schöne Etiketten, laute Versprechen – und dahinter? Welche Konsequenzen haben die Programme für Wirtschaft, Rechtsstaat, Freiheit, Europa? Ich halte es für politisch unklug, mit einem solchen Mitbewerber gemeinsame Sache zu machen. Und ich halte es für demokratisch notwendig, seine Mogelpackung offenzulegen.

Aber genau hier fängt mein Problem mit der aktuellen Debatte an: Statt sich inhaltlich mit der Mogelpackung auseinanderzusetzen, wird wieder einmal über den Laden diskutiert, in dem sie im Regal steht.

Die Deutsche Bank sagt: In unseren Räumen finden keine Veranstaltungen statt, bei denen AfD-Abgeordnete eingeladen sind. Große Unternehmen treten aus einem Verband aus, weil dieser sich überhaupt traut, das Gespräch mit demokratisch gewählten Mandatsträgern zu suchen – wohlgemerkt bei gleichzeitiger klarer Ablehnung einer Regierung unter AfD-Beteiligung. Linke Verbände und Parteien nutzen die Gelegenheit, um wirtschaftliche und moralische Kampagnen zu verbinden: Wer sich nicht klar positioniert, gehört zu den Bösen.

Das ist keine kluge Brandmauer. Das ist eine Mischung aus Gesinnungsdruck, De-Plattforming und Angstkommunikation. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber – im Leben, in der Politik und in der Wirtschaft.

Ich frage mich: Warum klammern sich einige große Unternehmen so krampfhaft an dieses neue Moralmodell? Die offizielle Antwort lautet: „Verantwortung“, „Haltung“, „Demokratie schützen“. Das klingt gut, wärmt das Gewissen und taugt für Kampagnenmotive. Aber dahinter steckt oft ein sehr irdisches Kalkül: Man hat sich in den letzten zwanzig Jahren in einem staatlich gepolsterten Markt eingerichtet – Subventionen hier, Regulierungen dort, ein dichtes Netz aus Lobby und Politik – und möchte dieses Setup um keinen Preis aufgeben. Ein echter freier Markt, in dem Ideen, Qualität und Mut zählen, ist für viele in den Vorstandsetagen längst zur Bedrohung geworden.

Ich erlebe das täglich in meinem eigenen Bereich. Die Großindustrie verkauft im Tierfutter seit Jahren heile Welt: glänzendes Fell, glücklicher Hund, Glücksversprechen auf der Packung. In Wahrheit kämpfen immer mehr Hunde mit Allergien, Übergewicht, Verdauungsproblemen – und die Tierarztpraxen sind voll. Wer wie ich mit einem handwerklich geprägten, aufwendigen Produkt kommt, das nicht einfach austauschbar ist, wird vom Einkauf großer Ketten gar nicht erst an den Tisch gelassen. Nicht, weil das Produkt schlecht wäre, sondern weil man es nicht mit einem beliebigen Billig-Lieferanten ersetzen kann, wenn es unbequem wird.

Auf der Bühne der Gastronomie sieht es ähnlich aus: Die Spitzengastronomie mit echter Küche, ehrlichen Lebensmitteln und Handwerk tut sich schwer, international skalierbare Franchisemodelle zu etablieren. McDonald’s und Co. breiten sich weltweit aus, weil ihr Konzept industriell, standardisierbar und perfekte Massenware ist. Die Qualität der Ernährung, die langfristigen gesundheitlichen Folgen, die kulturelle Verarmung spielen im Geschäftsmodell nur eine Nebenrolle. Der gesunde Bäcker um die Ecke schafft bestenfalls regionale Größe, der Aufbackshop erobert die Innenstädte.

Genau so riecht für mich gerade die politische und wirtschaftliche „Brandmauer“-Debatte: Man verkauft moralische Hochglanzkampagnen, während man sich in Wirklichkeit einen geschützten Markt sichert, in dem man nicht mehr mit neuen Ideen, besserer Leistung und echter Reformbereitschaft konkurrieren muss. Die Patriarchen in den Konzernen – und ja, oft sind es tatsächlich alte Männer – fürchten nichts mehr, als dass ihnen die Komfortzone wegbrennt und sie wieder unter Wettbewerbsdruck geraten, in dem Leistung und Mut zählen.

Dazu passt die politische Gemengelage. Statt ehrlich zu sagen: „Wir haben Fehler gemacht, wir haben ganze Branchen mit Bürokratie zugemauert, wir haben Schuldenmodelle aufgebaut, die kaum jemand mehr versteht“, flüchtet man sich in symbolische Brandmauern. Man erklärt die AfD zur Hauptgefahr – was sie mit Blick auf Demokratie und Rechtsstaat durchaus werden kann –, aber man verweigert sich gleichzeitig der unbequemen Frage: Warum ist diese Partei überhaupt so stark geworden? Die Antwort darauf würde bedeuten, die eigene Politik der letzten Jahre gnadenlos zu hinterfragen. Da ist es bequemer, auf Verbände, Banken und Unternehmen Druck auszuüben, damit sie die „richtigen“ Signale senden.

Für mich als Unternehmer fühlt sich das an wie ein Déjà-vu aus den dunkleren Kapiteln deutscher Geschichte – nicht, weil wir „wieder 1933“ hätten, sondern weil sich ein Muster wiederholt: Eine verunsicherte Mitte reagiert auf politische Konkurrenz und gesellschaftliche Spannungen nicht mit klarer Leistung, sondern mit Ausgrenzung, Gesinnungsprüfungen und moralischer Überheblichkeit. In der Weimarer Republik hat genau diese Mischung aus politischer Schwäche, wirtschaftlicher Krise und moralischem Rigorismus mit dazu beigetragen, dass die Demokratie zerbrach. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben deshalb hohe Hürden für Parteiverbote und klare Gewaltenteilung eingebaut – aus der Erfahrung, dass man politische Gegner nicht einfach wegdefinieren kann, ohne sich selbst zu beschädigen.

Und jetzt sind wir an einem Punkt, an dem ein Verband wie „Die Familienunternehmer“ – nach meiner Lesart – nicht etwa die AfD umarmt, sondern der Politik signalisiert: Wir sind eure sichere Basis nicht mehr. Wir warten nicht mehr geduldig, bis ihr unsere Briefe gelesen habt, während unsere Betriebe unter Energiekosten, Bürokratie und Fachkräftemangel zusammenbrechen. Wir sprechen auch mit denen, die ihr uns seit Jahren als Tabu verkauft. Das ist ein riskantes Signal, ja. Es ist Spiel mit dem Feuer. Aber es ist auch ein Weckruf – vor allem an die Partei, die sich einmal „Partei der sozialen Marktwirtschaft“ genannt hat.

Die Reaktion hätte sein können: „Wir haben verstanden. Wir liefern jetzt Antworten. Wir entlasten, wir reformieren, wir hören zu.“ Stattdessen erleben wir: Räume werden gesperrt, Mitgliedschaften gekündigt, moralische Erklärungen werden eingefordert. Und die CDU steht vor der Frage: Stimmt sie einfach in den Kanon ein – oder nutzt sie diese Krise, um endlich wieder politisch zu führen?

Als Unternehmer kann ich mir meinen Kunden nicht erziehen. Ich kann mich nicht vor den Laden stellen und rufen: „Ihr seid zu dumm für mein Produkt!“ Wenn mein Kunde zu einem anderen Anbieter geht, muss ich mir als erstes die Frage stellen: Habe ich meine Leistung schlecht erklärt? Habe ich das falsche Produkt? Habe ich mich zu weit von den Bedürfnissen meines Kunden entfernt? Ich muss mein Versprechen einlösen – nicht meine Empörung pflegen.

Genau das wünsche ich mir von der Politik. Und genau deshalb sehe ich den Schritt des Verbands – bei aller Gefährlichkeit – auch als Chance: Er zwingt die bürgerliche Mitte, sich zu entscheiden, ob sie weiter in Brandmauer-Metaphern flüchtet oder ob sie endlich inhaltlich liefert. Die AfD wird man nicht mit Raumsperren, Rauswürfen und moralischen Erklärungsritualen klein bekommen. Man wird sie nur dann wieder auf ihre reale Größe schrumpfen, wenn die Wähler das Gefühl zurückgewinnen, dass es in der Mitte Parteien gibt, die Probleme lösen, statt Debatten zu verbieten.

Ich persönlich werde der AfD keine politische Bühne bieten. Nicht, weil eine Bank mich dazu drängt, sondern weil ich ihre Rezepte für gefährlich halte – für Wirtschaft, Freiheit und unser Land. Aber ich weigere mich genauso, in einen Chor einzustimmen, der jeden, der überhaupt noch mit AfD-Abgeordneten spricht, in die rechte Ecke stellt. Demokratie ist mühsam. Sie lebt vom Streit, von harten Argumenten, von klaren Grenzen und offenen Ohren. Wer sie mit moralischem Druck und Gesinnungsprüfungen „schützen“ will, sägt an ihrem Fundament.

Ich habe mir mit diesem Text den Frust von der Seele geschrieben. Wer darin eine „Verteidigung der AfD“ lesen möchte, will mich nicht verstehen. Was ich verteidigen will, ist etwas anderes: die Freiheit, politisch zu streiten, ohne ökonomisch abgestraft zu werden; die Verantwortung, als Unternehmer Haltung zu zeigen, ohne zum Vollstrecker eines moralischen Blocks zu werden; und die Hoffnung, dass eine bürgerliche Politik wieder den Mut findet, mit Leistung, Wahrhaftigkeit und Respekt um Vertrauen zu werben – statt mit Brandmauern aus Pappe.

Brandmauer, Mogelpackung und Mut
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