Die Bank vor unserem Haus

Kai Nagel

Die Rückkehr der Bank vor dem Haus: Wie sie die Nachbarschaft wiederbelebt

Stell dir vor, du sitzt auf einer Bank vor deinem Haus. Eine einfache, aber symbolträchtige Bank, die eine Ära des Miteinanders verkörpert. Eine Zeit, in der Menschen noch Zeit füreinander hatten, in der der Austausch von Mensch zu Mensch im Mittelpunkt stand, nicht zwischen Computern oder Algorithmen. Die Bank vor dem Haus war mehr als nur ein Ort zum Ausruhen – sie war ein Treffpunkt, an dem Geschichten geteilt und Neuigkeiten ausgetauscht wurden.

Von Omas und alten Frauen: Die Bedeutung der Bank als sozialer Treffpunkt

Vielleicht erinnerst du dich an das Bild von Oma und Opa, die den ganzen Tag auf der Bank vor ihrem Haus saßen und das Geschehen in der Nachbarschaft beobachteten. Doch es waren nicht nur sie, die dort saßen. Auch die alten Frauen, die aus dem Fenster schauten, kannten alle Geschehnisse und Details. In solch einer Gemeinschaft war die Kriminalität überraschend gering. Warum? Weil Menschen füreinander da waren, sich kümmerten und wachsam waren.

Die Bank vor dem Haus war ein Ort, an dem man sich nach einem langen Arbeitstag einfach nur entspannen konnte. Aber sie war auch ein Ort des Austauschs, an dem man sich mit dem Nachbarn auf dem Heimweg kurz unterhielt, um Neuigkeiten zu teilen. Ja, es gab vielleicht auch Tratsch und Gerüchte, aber zuerst sprach man über die wichtigen Dinge des Tages, über lokale und gesellschaftliche Angelegenheiten. Oder man genoss einfach die Stille zu zweit, bei einem Glas Wein oder Bier, und ließ den Tag in Gedanken Revue passieren.

Jenseits der virtuellen Welt: Warum echte Gespräche vor dem Haus so wichtig sind

Doch haben wir heute noch diese Zeit? Haben wir noch die Ruhe, im Hier und Jetzt zu sein? In einer Welt, die von digitalen Reizen beherrscht wird, sind wir ständig auf der Suche nach dem Neuesten, dem Spektakulärsten. Doch wie geht es eigentlich unserem Nachbarn? Was beschäftigt ihn? In einer von sozialen Netzwerken vernetzten Welt fühlen wir uns oft einsam. Wir finden es interessanter zu wissen, was die Royals tun, als uns um unseren Nachbarn zu kümmern. Wir übersehen sogar, wenn jemand in unserer unmittelbaren Umgebung seit Wochen tot in seiner Wohnung liegt.

Die Bank vor dem Haus symbolisiert noch viel mehr. Es ist ein Ort, an dem wir Menschen in unsere vier Wände lassen, eine Intimität, die wir nur wenigen gewähren. Doch vor dem Haus, vor der Fassade, können wir andere teilhaben lassen. Hier können wir andere beobachten, abschätzen, bevor wir sie tiefer in unser Leben lassen. Doch was passiert, wenn dieser Ort der Begegnung verschwindet? Wie können wir herausfinden, ob jemand es wert ist, einen tieferen Einblick in unser Leben zu bekommen?

Was wir getan haben in unserer Nachbarschaft

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, wie sehr es unsere Umgebung belebt hat, als wir den ersten Schritt gewagt haben. Als wir 2012 in das Haus meiner Großeltern zogen, kannte man den Enkel Kai, aber nicht den Nachbarn Kai oder Gina und ihre Kinder. Um das zu ändern, beschlossen wir, jedes Jahr am 1. Januar um 11 Uhr einen Neujahrsempfang für alle Nachbarn zu veranstalten. Kurz vor Weihnachten gehen wir abends mit unseren Kindern spazieren und verteilten Einladungen an alle Nachbarn in der Straße und sogar darüber hinaus. Wir verbinden die Einladungen mit einem kleinen Weihnachtsgruß. Der Empfang ist offen und zeitlich flexibel. Wir bereiteten Glühwein vor und stehen auf unserem Hof vor dem Haus. Jeder kann eine Tasse mitbringen, und wir wünschen uns ein frohes neues Jahr. Bereits im ersten Jahr waren wir überwältigt von der Resonanz. Wir standen manchmal bis 15 Uhr in der eisigen Kälte und unterhielten uns mit Nachbarn, die wir noch nie getroffen hatten. Im Laufe der Jahre wurde dieses Treffen zu einer Institution. Als wir einmal vergaßen, die Einladungen vor Weihnachten zu verteilen und es erst danach taten, wurden die Nachbarn schon nervös, ob der Empfang dieses Jahr überhaupt stattfinden würde.

Daraus entstand der Gedanke: Warum sollten solche Treffen nicht auch spontan im Laufe des Jahres stattfinden? Doch wie kann das passieren, wenn man uns nicht sieht? Wir kehren nach Hause zurück und verschwinden hinter unserer Tür. Natürlich sind wir draußen, aber hinter dem Haus. Wie soll jemand spontan vorbeikommen, ohne die Intimsphäre zu stören? Aber stell dir vor, du würdest entspannt vor dem Haus sitzen. Dann könnte der ein oder andere doch kurz anhalten und sich mit dir unterhalten, oder? Du würdest ihn einladen, dich anzusprechen, einfach durch deine Präsenz vor dem Haus.

Die Bank vor dem Haus als Tor zur Gemeinschaft: Erfahrungen und Ideen

Natürlich musst du nicht mit jedem deiner Nachbarn beste Freunde sein. Du musst nicht jeden Abend mit allen Nachbarn Brüderschaft trinken. Aber verschließt du dich nicht der realen Welt, wenn du die Tür für alle schließt und dich versteckst? Anstatt dich zu verstecken und Zuflucht in der anonymen digitalen Welt zu suchen, könntest du einfach nach draußen gehen. Hier kannst du echte Menschen treffen, dich mit ihnen unterhalten und dich wieder lebendig fühlen. Vielleicht entsteht sogar eine tiefere Verbindung, du lernst jemanden auf eine ganz andere Art und Weise kennen. Vielleicht triffst du auch auf Meinungen, die du nicht erwartet hast, und du musst selbst darüber nachdenken.

Wir sehen das Verschwinden der Bank als Zeichen der Vereinsamung, obwohl wir tausend Freunde auf Facebook oder Instagram haben. Es gibt keine Reden und Gegenreden mehr, und somit findet auch kein respektvoller Meinungsaustausch mehr statt. Dies führt zu einer Radikalisierung, da verschiedene Gruppen ihre Meinungen nicht mehr respektvoll diskutiert sehen. Eine lebhafte Diskussion über Sachthemen kann nicht einfach über einen Chat stattfinden. Nuancen in der Stimme sind wichtig, um eigene Argumente wohlwollend zu präsentieren. Ein freundlicher Ausdruck im schwäbischen Dialekt, wie "du Graßdackel", kann schnell zu einer Beleidigung werden, wenn die Stimmlage nicht stimmt. Der andere fühlt sich beleidigt, obwohl es der Sprecher nicht so gemeint hat.

Unsere zwischenmenschliche Kommunikation geht verloren, und die Vereinsamung in einer Welt voller digitaler Freunde schreitet voran.

Mein Appell

Deshalb appellieren wir an euch: Stellt eine Bank vor euer Haus und setzt euch abends einfach mal hin. Lasst den Tag ruhen und genießt die Stille. Es muss nicht jeden Abend jemand vorbeikommen und sich mit euch unterhalten. Aber wenn jemand vorbeikommt, grüßt freundlich. Bestimmt bleibt auch der ein oder andere stehen, und ihr könnt ein paar Worte wechseln. Es muss nicht tiefgründig sein, aber ihr werdet sehen, wie gut es der Seele tut, sich mit echten Menschen zu unterhalten. Vielleicht entwickelt sich etwas, und derjenige bleibt ein wenig stehen oder setzt sich sogar kurz dazu. Ihr könnt jemanden ganz anders kennenlernen, und vielleicht werdet ihr auch mit Meinungen konfrontiert, die ihr nicht erwartet habt. Lasst uns die Bank vor dem Haus zu einem Symbol der Zusammengehörigkeit machen und die Verbindung zwischen Nachbarn wiederherstellen.

Die Bank vor dem Haus - Bild von Bernhard Schürmann auf Pixabay
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