Bestand oder Verbrauch? Warum die Erbschaftsdebatte an der falschen Stelle startet.
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Ich ringe seit Monaten mit dieser Erbschaftsdebatte. Für viele ist sie schnell erzählt: „Die Reichen zahlen zu wenig, deswegen haben sie so viel.“ Punkt. Klingt sauber, beruhigt den Puls, aber erklärt herzlich wenig. Es blendet aus, was wir mit Einkommen, Erbe und Eigenverantwortung in den letzten Jahrzehnten getan haben – oder nicht getan haben.
Ich behaupte: Wir verwechseln Strom mit Bestand. Einkommen ist der Strom, der durchs Haus rauscht. Vermögen ist die Substanz, aus der das Haus gebaut ist – Ziegel, Dach, Fundament. Vom Strom kann man leben. Die Substanz erhält das Leben.
Und jetzt wird’s unangenehm: Wir hatten in breiten Teilen der Mittelschicht über Jahre viel Strom. Nicht alle, gewiss. Aber viele. Und statt die Substanz zu pflegen oder zu erweitern, haben wir uns an die helle Beleuchtung gewöhnt: neues Auto, teuerer Urlaub, Lifestyle-Abos für jeden Lebensbereich. Gleichzeitig haben wir – wo vorhanden – Substanz verkauft: das Haus der Großeltern, Ackerstücke, Kleingewerbe, die Anteile am Familienunternehmen. Manches aus Not, vieles aus Bequemlichkeit, einiges aus Unterschätzung dessen, was Bestand wirklich bedeutet.
Am Ende standen wir im Hellen – aber mit dünneren Wänden.
Dann kommt die Rechnung: Die Lichter werden teurer (Inflation, Mieten, Pflege, Kinder). Der Strom reicht nicht mehr. Der Blick richtet sich nach oben: „Dort ist doch viel Licht. Da muss man nur fester hindrehen: Erbschaftsteuer, Vermögensteuer, irgendwas mit Umverteilung.“
Ich verstehe den Impuls. Wirklich. Ungleichheit kann zermürben. Asset-Preise haben die einen getragen, die anderen abgehängt. Und nicht jede Erbschaft ist eine Yacht – oft ist es ein alter Kahn mit Reparaturstau. Chancengerechtigkeit bleibt ein berechtigtes Ziel.
Aber wenn wir ehrlich sind: Wir reden zu wenig über den Verbrauch unserer eigenen Bestände. Wir reden kaum darüber, wie schnell Substanz in Konsum verwandelt wurde. Wir sprechen selten über die Fähigkeit, Vermögen zu halten – geschweige denn zu mehren. Und wir verdrängen, dass produktives Vermögen – Acker, Handwerk, Unternehmen – nicht einfach eine goldene Gans ist, die man „gerechter“ ausnehmen kann. Wer die Gans ausnimmt, isst morgen nur noch Waren aus fremden Ställen.
Erbschaft ist für mich kein Lottogewinn, sondern ein Auftrag. Ein Auftrag, Bestand zu sichern: Gebäude instand halten, Boden bewahren, Betriebe führen, Arbeitsplätze entwickeln, Ausbildung finanzieren. Es ist leiser als das neue Cabrio, unspektakulärer als der Fünf-Sterne-Trip – und genau deshalb besonders wertvoll. Bestand ist die unsichtbare Statik eines Landes.
„Aber was ist mit den Dynastien, die nur kassieren?“ – Ja, darüber muss man reden. Missbrauch gibt es. Abschirmung gibt es. Es braucht Regeln, die Dead Capital (unproduktive Vermögen) weniger attraktiv machen und produktives Kapital schützen. Es braucht Transparenz statt Schlupflöcher. Und es braucht ehrliche Finanzbildung, damit Erben wissen, was sie da eigentlich in Händen halten: ein Schiff, kein Sparschwein.
Ich komme aus einer Welt, in der Produktion, Handwerk und Verantwortung keine Phrasen sind. Ein Unternehmen über Generationen zu führen ist jeden Tag: Maschinen pflegen, Menschen ausbilden, Rohstoffe sauber einkaufen, Energie sparen, Rücklagen bilden, falsche Trends aushalten. Glaub mir: Das ist nicht „reich sein“ – das ist „ständig verantwortlich sein“. Wer solche Bestände leichtfertig entkernt, fliegt vielleicht heute in die Sonne – und sitzt morgen im Regen. Und die Belegschaft, die Zulieferer, die Region sitzen daneben.
Die Debatte braucht eine Verschiebung:
Weg von „Wer hat wie viel?“ – hin zu „Was trägt dauerhaft?“
Weg von „Lichtstärke“ – hin zu „Wandstärke“.
Weg von Empörung – hin zu Erhalt & Erneuerung.
Was heißt das konkret?
- Bestand vor Verbrauch. Erbschaften sind zuerst Substanzsicherung: Instandsetzen, entschulden, sinnvoll investieren – bevor Konsum.
- Produktives Kapital schützen. Unterschiede machen zwischen Unternehmen/Acker (Wertschöpfung) und rein passiven Luxusbeständen.
- Finanzbildung ab Schule. Wie man Rücklagen, Cashflows, Zins-Risiko, Instandhaltung wirklich denkt.
- Transparente Regeln statt Neid. Wer produktiv hält, profitiert – wer spekulativ entnimmt, beteiligt sich stärker an den Folgekosten.
- Langsicht als Kultur. Der bequemste Euro heute ist oft der teuerste morgen.
Ich weiß, dass manche lieber das Gegenteil hören. Klingt weniger unbequem. Aber die Wahrheit riecht nicht nach Lavendel. Sie riecht nach Werkhalle, nach Erde und nach Papierstaub alter Grundbücher. Nach Verantwortung, die man nicht posten kann.
Wenn wir über Erbschaft sprechen, sprechen wir über Kulturtechnik: Bestand pflegen, Zukunft bauen. Wer das abschafft, wird von denen abhängig, die es besser können. Und die sitzen selten nebenan.
Ich bleibe bei meinem Kompass: Im Kopf rebellisch, im Herzen gesellig. Ich will, dass wir streiten – hart in der Sache, fair im Ton. Aber bitte dort, wo es wirklich zählt: Nicht am Lichtschalter. An den Wänden.
