Mehr Rugby in der Politik – die Bilder schärfen
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Manchmal wirkt unsere Politik wie ein Flutlichtspiel im Fußballtempel. Der Rasen ist frisch bewässert, die Kameras sind nah an den Waden, und jeder Windstoß wird zur Katastrophe erklärt. Neunzig Minuten lang wird darum gerungen, dem Schiedsrichter den eigenen Schmerz zu verkaufen: Hände zum Himmel, das Gesicht verzogen, ein Blick zur Bank „Habt ihr’s gesehen?“ Und die Regie liefert sofort die Zeitlupe, dreimal, aus vier Winkeln, mit Zoom auf den angeblichen Kontakt. Es ist ein Stadion der Gefühle, aber nicht der Haltung.
Rugby ist eine andere Topografie. Achtzig Minuten, kein Make-up, keine Ausreden. Tape um die Ohren, Schlamm am Knie, ein Cut, der still mit einem Handtuch abgedrückt wird. Du hörst das Atmen in den Gassen, das Knirschen in den Kollisionen, das kurze „Captain, come here“ des Referees – und danach ist Ruhe. Einer spricht. Einer hört zu. Dann geht’s weiter. Im Rugby versucht man dem Schiedsrichter zu beweisen, dass man nicht verletzt ist. Das ist die Grammatik der Verantwortung: kein Schauspiel, sondern Spiel.
Ich muss hier dieses Bild bemühen, denn unsere Politik hat sich meiner Meinung nach, an die Seitenlinie des Fußballs verkauft. Da liegt man und winkt die Trage herbei, obwohl es nur das Ego der ideologischen Verbohrtheit ist, das zwickt. Man will den Elfmeter der Moral, den Freistoß der Empörung, die gelbe Karte für den Gegner und die Schlagzeile am nächsten Morgen. Der Schiedsrichter? Ein williger Komparse in einem über inszenierten Drama. Er pfeift nicht, weil es richtig ist, sondern weil das Pfeifkonzert sonst zu laut wird. Und wenn er doch pfeift, diskutiert man ihn nieder, um ihm danach die Pfeife zu entreißen.
Genau das sehe ich heute bei vielen Behörden. Sie stehen auf dem Feld wie überforderte Schiedsrichter, umzingelt von Spielern, die schreien, treten, fordern. Sie sollen neutral bleiben, aber sie werden gezwungen, Stellung zu beziehen. Und während sie versuchen, das Regelwerk zu erklären, ruft das halbe ideologische Stadion: „Betrug!“
Sie haben die Pfeife in der Hand, aber nicht mehr den Mut, sie zu benutzen. Weil sie wissen: Egal, wie sie pfeifen – es wird falsch sein. Die, die am lautesten schreien, sind oft jene, die am tiefsten im Foulspiel stecken. Sie rufen „Parteiisch!“, um ihre eigene Schuld zu übertönen.
Doch es bleibt nicht beim Druck, beim Schreien oder Fordern. Mittlerweile haben sich viele dieser Schiedsrichter an das Geschrei gewöhnt und pfeifen so, wie es der Lärm verlangt. Sie begründen ihre Entscheidungen mit Paragrafen, aber jeder im Stadion spürt, dass sie längst nicht mehr Recht sprechen, sondern Ruhe herstellen wollen. Sie folgen der Lautstärke der Moral, nicht mehr dem Klang des Gesetzes. Und so werden sie zu willigen Helfern eines neuen Unrechts – nicht aus Bosheit, sondern aus Angst, anzuecken.
Die Ideologen – links wie rechts – haben begriffen, wie man den Schiedsrichter steuert: durch Empörung. Wer am lautesten ruft, wer das Spiel moralisch einfärbt, bestimmt die Richtung. Und weil niemand mehr den Mut hat, dagegenzuhalten, werden Fehlentscheidungen zur Gewohnheit. Es sind die Fouls der Lauten, die ungestraft bleiben und die Stillen, die plötzlich verwarnt werden.
Das ist der Moment, in dem das Stadion kippt. Die Zuschauer sehen, was geschieht. Sie sehen die Ungerechtigkeit, nicht in Paragrafen, sondern in den Gesichtern derer, die betroffen sind. Sie sehen, wie aus Unrecht Wut wird, und aus Wut Gewalt. Denn nichts treibt Menschen schneller in die Radikalität als die Erfahrung, dass Recht zu einer Frage der Lautstärke geworden ist.
Und wer das nicht sehen will, wer meint, dies sei übertrieben, der bestätigt nur meine Worte. Denn wer die Augen vor dem Offensichtlichen verschließt, muss meine Sicht kritisieren, um die eigene Blindheit zu rechtfertigen. Spielt also weiter Fußball, lasst euch fallen, sucht die Kamera. Aber beklagt euch später nicht über den Untergang. Denn irgendwann stellt der Schiedsrichter auch euch und die Ungerechtigkeit, die ihr stillschweigend geduldet habt, trifft euch selbst. Dann hilft kein Protest, kein Hashtag, kein moralisches Schulterzucken mehr. Dann wird es still auf den Rängen, und jeder wird wissen, dass man es hätte kommen sehen. Wenn Fairness nicht mehr gilt, wenn Einschüchterung regiert, dann fliegen irgendwann keine Pässe mehr, sondern Flaschen.
Ich sehe die Tribünenbilder: die Fraktionskurve, die Lobby-Loge, die Pressetribüne als VIP-Bereich der Deutungsmacht. Links in der Ostkurve zündet man Pyro aus Schlagworten, rechts in der Westkurve antwortet man mit Rauch aus Hashtags. Ordner mit gelben Westen – die Talkshows – stellen sich zwischen die Blöcke, aber es hilft nichts. Hooligans der eigenen Wahrheit suchen den Tunnel, nicht das Tor. Und wir wundern uns, warum draußen auf dem Parkplatz die Scheiben klirren.
Rugby hat seine eigene Architektur der Vernunft. Ein Referee, der nicht schreit, sondern setzt. Eine Linie, die gilt. Ein TMO, der nicht den Sport zerstört, sondern ihn schützt – indem er die Wahrheit zurückholt, auch wenn sie dem eigenen Bauchgefühl widerspricht. Hier zählen Fakten, keine Ideologien. Kein Spieler umringt den Unparteiischen, kein Kapitän marschiert auf ihn zu mit gespitztem Zeigefinger. Du sprichst, wenn du angesprochen wirst. Du akzeptierst, wenn entschieden ist. Und gerade weil es hart ist, ist es fair.
„Brandmauer“ nennen wir in der Politik das neue Allheilmittel. In Wahrheit ist es oft nur eine Betonwand im Kopf, auf die wir Parolen pinseln wie Ultras auf Bahndämme. Eine Mauer schützt vor Flammen, ja, doch sie löscht kein Feuer. Sie trennt. Hinter ihr wird die Luft dünn, der Sauerstoff der Debatte verbraucht sich, und am Ende erstickt nicht der Gegner, sondern der eigene Gedanke. Im Rugby brauchst du keine Mauer. Du brauchst Linien. Du brauchst Regeln, die nicht biegsam sind wie Gummi, sondern fest trotz Kreide. So fest, dass sie jeder sieht und jeder spürt, auch wenn’s unangenehm ist.
Natürlich gehört zur Wahrheit auch, dass es Mannschaften gibt, gegen die spielt man ungern. Hart an der Grenze, laut, unbequem. Und trotzdem: Nach dem Schlusspfiff stehen dieselben Körper, die eben noch ineinander geknallt sind, Schulter an Schulter in einer einzigen unscheinbaren Geste, ein Handschlag. Manchmal ist er zäh, manchmal knapp, aber er ist echt. Danach Clubhaus. Die Stimmen tiefer, das Lachen rauer, die Wunden frisch. „Starke Phase nach der Pause.“ – „Euer Paket war brutal.“ – „Beim Maul hätt’ ich pfeifen können.“ – „Hättest du auch. Nächstes Mal pfeif’s.“ Dieser Austausch ist keine Folklore. Er ist eine politische Bildung in Reinform: Wir kämpfen hart. Wir bleiben Menschen.
Fußball hat uns die Sehgewohnheit verdorben: die Zeitlupe als Moral, der Sturz als Argument, das Theater als Wahrheit. Politik hat diese Choreografie übernommen. Man lässt sich fallen, um die Geschichte zu gewinnen, statt aufzustehen, um das Spiel zu drehen. Und weil der Schiedsrichter, nennen wir ihn ruhig: Rechtsstaat, Verfahren, Institution, zu oft nur den Lärm misst, wird der Lärm zur Währung. Wer lauter fällt, siegt.
Ich will, dass es wieder nach Rugby klingt. Kürzer, knapper, klarer. Ein Pfiff, der gilt. Ein „Captain“, der wirklich führt. Ein TMO, meinetwegen ein Untersuchungsausschuss, ein Verfassungsgericht, eine unabhängige Rechnung, der nicht als Feind beschimpft wird, wenn er korrigiert, sondern als Freund des Spiels. Ich will Politiker, die mit Schlamm am Trikot auftauchen, nicht mit Schminke auf der Wange. Leute, die im Gedränge schieben, nicht am Mikrofon winseln. Leute, die nicht die Sanitäter rufen, wenn die eigene Taktik klemmt, sondern die Formation ändern und die Schultern tiefer nehmen.
Und ja, ich weiß, dass man nicht jeden lieben kann, der auf der anderen Seite steht. Muss man auch nicht. Respekt heißt nicht Romantik. Respekt heißt, den anderen nicht zu entmenschlichen, während man ihn mit voller Kraft tackelt. Es heißt, ihn nicht zum Notfall zu erklären, nur weil er dir im Weg steht. Es heißt, nach dem Spiel das Bier auszuhalten, das Gespräch, die Selbstkritik: „Warum haben wir gewonnen? Warum haben wir verloren?“ Das ist keine Schwäche. Das ist die einzige Stärke, die Demokratien dauerhaft haben.
Wenn wir diese Bilder ernst nehmen, ändert sich die Geräuschkulisse. Weniger Sirenen, mehr Atem. Weniger Slow-Motion-Geschrei, mehr klare Pfiffe. Weniger Ordnerketten, mehr Clubhausbänke. Und vielleicht – nur vielleicht – gehen dann die Zuschauer wieder gemeinsam zum Pub, statt sich in eigenen moralischen Blasen zu verschanzen. Die Härte bleibt. Die Würde auch.
Ich plädiere für mehr Rugby in der Politik. Nicht als Trikotwechsel, sondern als Charakterprobe. Schluss mit der Schwalbe. Schluss mit dem choreografierten Schmerz. Her mit der ehrlichsten aller Fragen, die ein Spiel stellen kann: Hältst du Stand, wenn es dich trifft? Wenn ja, dann steh auf. Wenn nein, dann sag es und steh später auf. Nur hör auf, die Pfeife zu belügen.
Am Ende wird man dir die Hand reichen. Und wenn du Größe hast, reichst du zurück. Dann verlässt du das Stadion in derselben Haltung, in der du das Feld betreten hast: im Sturm im Kopf – und mit dem Kompass im Herzen.
Nachsatz
Ich weiß, ich spreche oft mit Logik in eine Welt, die längst emotional geworden ist. Ich rede von Fakten, und bekomme Schweigen zurück. Nicht weil es keine Gegenargumente gäbe – sondern weil man sie nicht mehr hören will. Die Wahrheit ist unbequem, also schaut man weg. Und genau dieses Wegsehen ist der Anfang vom Ende.
Wer liest und schweigt, macht sich mitschuldig. Nicht durch bösen Willen, sondern durch Bequemlichkeit. Man lässt die Lüge gewähren, weil sie weicher klingt. Man hofft, das Spiel möge schon gut ausgehen, auch wenn man längst sieht, dass der Schiedsrichter die Pfeife verloren hat.
Ich sehe es täglich – im Rugby, in der Arbeit, im Ehrenamt. Wir fordern von Spielern Respekt, Einsatz, Disziplin – aber auf Funktionärsebene spielen wir Fußball. Mit Schwalben, Fouls, Tricksereien. Die lautesten Stimmen kommen von denen, die nie auf dem Platz standen, die nie den Geruch von Gras, Schweiß und Ehrlichkeit eingeatmet haben. Und so hinkt Rugby Deutschland dem internationalen Erfolg weiter hinterher –
nicht, weil wir zu klein sind, sondern weil wir zu viele sind, die quer schießen und zu wenige, die kämpfen.
Ein Schelm, wer dabei nicht an die deutsche Wirtschaft denkt. Auch dort werden die wahren Spieler von den Tribünen verwaltet. Wir huldigen dem schönen Schein, schminken die Statistik, kaufen ausländische Talente, um den Anschein zu wahren, noch im Spiel zu sein. Wir lassen uns kaufen, nennen es „Erfolg“, und merken nicht, dass längst andere die Musik spielen.
So wird Ideologie zur Brandmauer gegen Vernunft. Wir mauern uns ein, während draußen die Welt weiterzieht. Wir bauen auf Moral, wo Mut gefragt wäre, und feiern uns für Haltung, während uns die Beine unter dem Körper wegbrechen.
Mich macht das nicht mehr traurig. Mich macht das wütend. Wütend, weil ich sehe, wie aus Verantwortlichen Kommentatoren werden. Wie die Mitstreiter des Untergangs heute als moralische Instanzen auftreten – als Moderatoren, Kolumnisten, Politiker – die über eine Welt urteilen, die sie selbst verschuldet haben. Sie sprechen in BILD-Sätzen über Probleme, die sie in Paragrafen zementiert haben. Sie reden von Werten, aber sie handeln wie Spieler, die nie gelernt haben, was ein fairer Tackle ist.
Ich habe keine Brandmauer. Ich lasse Meinungen zu, auch wenn sie mir widersprechen.
Aber ich erwarte, dass man zuhört – wirklich zuhört – und nicht reflexartig den Ball ins Aus schlägt. Sonst verkommen wir alle zu Kreisliga-Kommentatoren an der Außenlinie,
die dem Schiedsrichter eine verpassen, weil ihnen die Wahrheit nicht gefällt.
So frage ich mich: Wie kommen wir da wieder raus?
Wie kommen wir zurück zu einer Gesellschaft, die noch weiß, dass Respekt keine Schwäche ist?
Wie bringen wir wieder echte Spieler aufs Feld – im Sport, in der Politik, in der Wirtschaft?
Denn solange Ideologen die Aufstellung bestimmen, werden die besten Köpfe gehen. Und die, die bleiben, werden irgendwann klingen wie das, was sie kritisieren: wie die eigene Bankrotterklärung.
Autorenhinweis:
Dieser Text stammt aus Kai Nagels Buchprojekt „Sturm im Kopf – Kompass im Herzen“.
Er erscheint hier zuerst beim Seeräuber Posten, weil Aufrichtigkeit kein Elfmeter ist, sondern ein Tackling mit offenem Visier.