Christi Himmelfahrt, Vatertag und das deutsche Freizeitbürgertum

Christi Himmelfahrt ist schon ein erstaunlicher Feiertag.

Eigentlich geht es um Jesus.
Um Auferstehung. Um Himmelfahrt. Um die Rückkehr zum Vater. Um einen der großen christlichen Gedanken, aus denen unsere Kultur einmal ziemlich viel von dem gezogen hat, was wir heute gerne als selbstverständlich betrachten.

Aber was haben wir daraus gemacht?

Einen Vatertag.

Oder noch schöner: einen Herrentag.

Also einen Tag, an dem Männer mit Bollerwagen, Bier und gelegentlich erstaunlich wenig Restwürde durch die Landschaft ziehen und sich dabei vermutlich sehr traditionsbewusst fühlen.

Man muss das erst einmal schaffen:
Aus einem christlichen Feiertag wird ein Betriebsausflug für Promille-Romantiker.

Dabei ist die Geschichte dahinter fast noch besser.

Christi Himmelfahrt war ursprünglich ein religiöser Feiertag. In vielen Gegenden gab es Bittgänge, Flurprozessionen, Umzüge über Felder und Wege. Man ging hinaus. Nicht, weil man den Pegel prüfen wollte, sondern weil man Segen, Orientierung und Schutz für das Leben erbat.

Dann wurde daraus im Laufe der Zeit immer mehr Ausflug. Immer weniger Himmel. Immer mehr Herrenpartie.

Besonders im Berliner Raum entstand im neunzehnten Jahrhundert die sogenannte Herrenpartie. Männer zogen gemeinsam los, mit Wagen, Getränken und dem guten Gefühl, dass Brauchtum offenbar alles entschuldigt, solange genug Bier im Spiel ist.

Und irgendwann klebte man das Wort „Vater“ drauf.

Das klingt natürlich gleich viel würdevoller.

Vatertag.

Als hätte das Ganze etwas mit gelebter Verantwortung, Erziehung, Fürsorge oder Vorbild zu tun.

Und dann kommt der nächste Schritt der kulturellen Verdauung:

Kinder sollen dem Vater zum Vatertag gratulieren, während sich mancher Vater an genau diesem Tag erst einmal ordentlich die Kante gibt und unterwegs jede Würde am Wegesrand verliert.

Das ist schon eine besondere Form von Pädagogik.

„Kind, bitte zeig mir Respekt, während ich gerade öffentlich demonstriere, warum Respekt nicht automatisch mit Alter geliefert wird.“

Man muss es lieben.

Oder wenigstens nüchtern genug bleiben, um den Widerspruch zu erkennen.

Ich finde das schwierig.

Vatersein ist für mich kein Orden, den man einmal im Jahr einfordert. Vatersein ist eine Aufgabe. Eine Verantwortung. Ein tägliches Versprechen, das man nicht auf eine Grußkarte delegieren kann.

Ich freue mich über jeden Brief meiner Kinder. Über jedes Bild. Über jede kleine Geste. Aber ich würde es niemals einfordern.

Denn eingeforderte Dankbarkeit ist keine Dankbarkeit mehr.
Sie ist Druck mit Schleifchen.

Und genau da wird es für mich grundsätzlich.

Wir haben in Deutschland christliche Feiertage, deren Sinn immer weniger Menschen kennen, geschweige denn ernst nehmen. Aber frei haben wollen wir natürlich trotzdem.

Den Ursprung? Ach komm.
Die Kirche? Rückständig.
Der Glaube? Privatsache.
Christi Himmelfahrt? Peinlich.
Aber der freie Donnerstag? Unantastbar.

Das ist schon ein besonderer Humor.

Unsere freien Feiertage sind nicht einfach vom Himmel gefallen, auch wenn dieser Tag es thematisch nahelegt.

Sie kommen aus einer Kultur, die dem Menschen Zeiten der Ruhe, der Besinnung und der Unterbrechung gegeben hat. Tage, an denen der Mensch nicht nur Arbeitskraft, Konsument oder Verwertungseinheit sein sollte.

Die Kirche und die christliche Prägung unserer Gesellschaft haben über Jahrhunderte Räume geschaffen, in denen nicht nur gearbeitet wurde. Räume für Ruhe. Für Gemeinschaft. Für Sinn. Für das, was größer ist als der eigene Terminkalender.

Heute bleibt davon oft nur noch übrig:

„Geil, langes Wochenende.“

Und wenn jemand sagen würde:
„Gut, wenn euch der Ursprung lächerlich erscheint, dann schaffen wir den Feiertag eben ab.“

Dann möchte ich das Geschrei hören.

Dann wäre plötzlich jeder wieder Verteidiger des christlichen Abendlandes — zumindest zwischen Brückentag und Grillwurst.

Das ist für mich das eigentliche Freizeitbürgertum:

Den Sinn nicht mehr tragen wollen.
Den Ursprung belächeln.
Aber den freien Tag mit beiden Händen festhalten.

Christi Himmelfahrt ist kein Vatertag.

Und Vatersein ist kein Anspruch auf Applaus.

Vielleicht wäre es schon ein Anfang, wenn wir an solchen Tagen wieder etwas ehrlicher würden:

Entweder wir nehmen den Ursprung ernst.
Oder wir geben wenigstens zu, dass wir nicht den Feiertag feiern, sondern nur unsere Freizeit.

Vatertag ist ein komischer Feiertag
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