Der Hahn hinter den Fassaden

Florenz, im August. Die Luft steht. Selbst der Stein schwitzt. Menschen schieben sich wie eine träge Brandung durch die Gassen, Kameras im Anschlag, Augen auf die drei Sterne im Reiseführer gerichtet. Ich gehe mit und gleichzeitig gegen den Strom. Der Sturm im Kopf, der sonst in offenen Räumen lärmt, prallt hier an Mauern, die mehr gesehen haben, als meine Gedanken je denken können.

Italien kann an der Oberfläche etwas schmutzig sein. Ein Grauschleier auf den Simsen, Müll, der den Morgen verpasst hat. Doch dann, wenn sich ein Tor öffnet: ein Hof, kühl und bunt, Granatapfel im Topf, Kacheln wie Seidenpapier, ein Brunnen, der die Hitze klein redet. Hinter den Fassaden Ordnung. Pflege. Farbe. Als hätten die Häuser eine zweite Lunge, in der sie ruhig atmen. Draußen lärmt mein Kopf, drinnen sortiert sich etwas. Ich notiere mir: Nicht alles, was außen schrammig ist, ist innen verloren. Man muss nur die richtige Tür erwischen.

In den Uffizien ist der Lärm gedämpft, die Zeit in Öl gespachtelt. Botticellis Linien, Caravaggios Schatten – Schönheit, die aus dem Streit wächst. Ich bleibe an einem Bild hängen, das niemand sucht. Ein Porträt mit der schlichten Tafel: Mann mit Buch. Kein Herzogstitel, kein Heiliger, keine Muse. Nur ein Blick, der mir direkt entgegnet. Würdevoll, wissend – und vergessen. Wir blicken uns tief in die Augen und ich habe das Gefühl er in meine Seele. Was für ein Meisterwerk.

Solch ein Porträt konnte sich nicht jeder leisten. Wer sich eines anfertigen lies, musste tiefe Tasche und einen gewisses Ansehen haben. Nun hängt hier ein Portrait zwischen all den bekannten Persönlichkeit. Der Maler hat die Zeit überdauert, sein Name gelehrt, zitiert, in Goldrahmen. Der Mann dagegen, der bezahlt hat, um gesehen zu werden, sein Name, verschollen. „Mann mit Buch“ ist zum Platzhalter geworden. Ein Mensch auf Sparflamme. Ich sehe seine Hand auf dem Schnitt des Papiers, rieche fast das Leder des Einbands, und denke: Wie viele Geschichten hat er geschrieben, wie viele Entscheidungen getroffen, wie viele Nächte nicht geschlafen? Wer hat ihn geliebt? Wer hat ihm widersprochen?

„Lass uns weitergehen.“ Die Stimme meiner Tochter. Der Ton, in dem Langeweile höflich wird. Ich nicke. Gleich, sage ich – und bleibe doch noch einen Atemzug. Diesem Blick schulde ich einen Atemzug.

Wir gehen wieder hinaus in die Stadt. Über mir die Medici, unsichtbar und allgegenwärtig, die Ahnen der politischen Choreographie. Ich denke an die Nacht, in der die Verschwörer unterwegs waren und ein Chor aus Hähnen sie verriet. Kein Held, kein Plan – nur das unbestechliche Krähen. Seitdem der Hahn als Wächter, gegossen in Ton, bemalt und mit Wein gefüllt, ein Schutzpatron auf Küchenkommoden. Ein einfacher Ruf, der die Nacht bricht.

In einer Seitengasse, die kein Führer empfiehlt, liegt eine kleine Bottega. Zwischen Tellern und Krügen steht ein Hahn aus Majolika im Fenster. Die Glasur glänzt, als habe sie eben noch die Sonne getrunken. Ich stelle mir vor, wie er nachts – wenn selbst die Motorroller schlafen – die Gasse im Blick behält. Ich stelle mir vor, wie sein Ruf mir gilt: Wach auf. Hier. Jetzt. Viele schauen sich verwundert diese seltsamen Tassen an und kaufen sie ohne den Hintergrund zu kennen, die Legende „Brocca di Gallo“.

„Papa, da vorne ist ein Laden mit Sneakers“, ruft meine Tochter. Die neuen Tempel – Glas, Klimaanlage, Duft von frisch ausgepackter Gegenwart. Ich folge ihr, natürlich, sie ist mein Taktgeber. Drinnen pulsieren Bildschirme, draussen lehnt die Stadt an ihrer Geschichte. Ich sehe das Leuchten in ihren Augen, höre die Verkäufer und spüre, wie mein Sturm kurz wieder aufzieht: To-do-Listen, ungelegte Eier, Gespräche, die noch geführt werden müssen.

Zurück auf der Straße beruhigen mich die unberühmten Mauern. Häuser, an denen alle vorbeigehen, als wären sie bloß Kulisse. Aber jeder Sims, jeder Kratzer, jede Nummer neben der Tür ist eine Fußnote aus Jahrhunderten. Wer hat hier gewohnt? Ein Schreiber, der in der Morgendämmerung die Hitze austrickste? Eine Näherin, die aus wenig Stoff ein gutes Leben nähte? Ein Lehrling, der abends am Arno seine Finger kühlte und sich schwor, eines Tages seinen Namen unter ein Werk zu setzen? Und wer hat all diese Namen weggewischt?

Ich denke an den Mann mit Buch. Er ist plötzlich überall: der Bäcker, der nie gelistet wird; die Nonna, die den Basilikum am Fenster schnippt; der Steinmetz, dessen Fuge niemand lobt. Würde, Wissen – und Vergessen. Vielleicht ist das die stille Vereinbarung dieser Stadt: Die Werke bleiben, die Namen flüstern. Und wir, die wir hier durchgehen, dürfen uns ein paar dieser Flüsterer ausleihen, solange wir zuhören.

„Lass uns weitergehen“, sagt meine Tochter wieder. Ich lächle. Ja. Aber ich nehme die Stadt jetzt anders mit. Nicht die großen Namen beruhigen meinen Kopf, sondern die kleinen Gewissheiten. Ein Schatten, der zur richtigen Stunde fällt. Ein Hof, der atmet. Der Ton eines Hahnes im Schaufenster. Das Klong einer Tasse in einer Bar, zwei Straßen weiter. Die Glocke, die nicht fragt, ob es passt. Das sind die Signale, die meinen Sturm ordnen – kleine, unbestechliche Wahrheiten, die von außen kommen und alles neu ausrichten.

Abends, als die Hitze endlich nachgibt, sitzen wir auf einer Stufe zwischen zwei Haustüren, die nicht ins Programm gehören. Meine Tochter erzählt mir von den Schuhen, die sie nicht gekauft hat, und von denen, die sie morgen noch einmal anschauen will. Ich erzähle ihr vom Mann mit Buch, der mir in die Augen sah. „Und warum kennst du seinen Namen nicht?“, fragt sie. „Weil wir den falschen Dingen Namen geben“, sage ich. „Wir merken uns die Etiketten der Macht und vergessen die Gesichter, die sie getragen haben.“

Sie zuckt die Schultern, wie Teenager das tun, wenn ihnen etwas nicht ganz egal ist. „Ist doch irgendwie traurig“, sagt sie. „Ja“, sage ich. „Und tröstlich. Weil es heißt: Wichtig ist, was du tust, während du es tust. Nicht, wie lange dein Name hält.“

Später gehen wir durch eine Gasse, die ich morgens noch „schmutzig“ genannt hätte. Ein Tor steht offen. Ich werfe einen Blick hinein. Ein Innenhof: auf der Mauer ein Topf mit Geranien, daneben – ich schwöre – ein kleiner Hahn aus Keramik, banal und schön. Kein Mythos, nur Ton. Und doch derselbe Satz: Wach auf.

Ich nehme den Sturm in mir beim Wort. Er darf toben, aber er darf mich nicht führen. Das übernehmen die einfachen Zeichen, die sich nicht beeindrucken lassen: Stein, Wasser, Ton, ein Blick aus einem Bild, eine Tochter, die „Weitergehen“ sagt. Die Medici können ihre Intrigen behalten. Ich nehme den Hahn. Und die Fassaden, die mir lehren, dass hinter dem Rauhen oft etwas Ordentliches wohnt – und dass ich nicht an der Oberfläche stehen bleiben muss.

Auf dem Rückweg bleibt mein Blick an einem unscheinbaren Haus hängen. Kein Stern. Kein Schild. Nur eine Nummer, ein Riss im Putz, ein Fenstersims mit drei Krümeln Brot für Spatzen. Genug, um mir zu sagen: Auch das gehört zur Geschichte. Und genug, um in meinen Kopf die nächste Geschichte entstehen zu lassen.

Morgen werden wir wieder gehen. Vielleicht an den Arno, vielleicht in einen Laden, der kalt lächelt. Vielleicht zurück in die Uffizien, um dem Mann mit Buch einen zweiten Blick zu geben. Und wenn die Nacht wieder schwer wird, stelle ich mir vor, wie irgendwo in dieser Stadt ein Hahn kräht, in Ton oder in Fleisch und Blut und mir den Kompass dreht, in eine Richtung. Nicht laut. Nur eindeutig.

Blick auf Flozenz in einer Abendstimmung
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