Der Leuchtturm im Leben

Es war im Jahr 2022 in Frankreich, an einem dieser windgepeitschten Küstenabschnitte des Atlantiks, wo das Meer unruhig atmet und der Himmel ständig zwischen Grau und Blau wechselt. Ich war mit meiner Familie im Urlaub – offiziell, um auszuspannen, den Kopf frei zu bekommen, wie man so sagt. In Wirklichkeit trug ich meinen Sturm im Kopf mit, fest verzurrt irgendwo zwischen den Schultern. Ich hatte in den letzten Monaten viel verloren: nicht unbedingt Dinge, aber Orientierung. Die Fragen waren immer dieselben und sie bohrten sich tiefer, je mehr ich versuchte, sie zu überhören: Wo komme ich her? Wo stehe ich jetzt? Und vor allem – wohin will ich eigentlich?

Während meine Familie von einem kleinen französischen Hafenstädtchen zum nächsten zog, Cafés entdeckte, Märkte besuchte und den salzigen Wind genoss, lief ich oft ein Stück hinterher. Nicht, weil ich keine Lust hatte – sondern weil ich innerlich suchte. Nach einem Kompass, nach einem klaren Punkt am Horizont, an dem ich mich ausrichten konnte.

Und dann kam dieser Tag. „Wir fahren zu einem Leuchtturm“, hieß es. In meiner Vorstellung war das ein einsamer Turm auf einer Klippe, umgeben von Felsen und Möwen, mit nichts als dem Rauschen der Wellen als Begleitung. Ein Ort, an dem man sich hinsetzen, in die Ferne schauen und den Kopf ordnen konnte. Vielleicht sogar ein Ort, der eine Antwort bereithielt.

Schon aus der Ferne tauchte er auf – erst nur als schmaler Strich, dann klarer, bis er wie ein stummes Ausrufezeichen in den Himmel ragte. Weiß und unbewegt stand er da, umspült von Wellen, umkreist von Möwen. Für einen Moment schien er alles andere auszublenden. Nur er und ich – als würde er mich schon sehen, bevor ich ihn erreichte.

Zuerst schien es nicht so zu kommen, wie ich gehofft hatte. Der Leuchtturm stand zwar da, aber drumherum war alles anders: Menschenmassen, Cafés, Eisdielen, sogar ein Schuhgeschäft – an einem Leuchtturm! Wieder keine Ruhe, wieder dieses bunte Treiben, das keinen Raum für leise Gedanken lässt.

Doch dann, nach ein paar Schritten abseits der Hauptwege, veränderte sich alles. Der Lärm der Menschen wurde dumpfer, wie durch eine unsichtbare Wand. Die Stimmen mischten sich mit dem Rauschen des Meeres, bis nur noch ein gleichmäßiges, beruhigendes Hintergrundgeräusch blieb. Wir entdeckten eine kleine Steinmauer, windgeschützt, mit Blick auf das Wasser – und direkt im Schatten des Turmes. Dort breiteten wir die Picknickdecke aus. Der Geruch von Salz und Tang lag in der Luft, Möwen zogen ihre Kreise, und über uns erhob sich dieser 57 Meter hohe Wächter, der seit Jahrzehnten unbeirrt in die Nacht leuchtet. Er stand einfach da und tat, wofür er gebaut worden war.

Und genau da, unter diesem massiven Bauwerk, begann es in mir zu arbeiten. Vielleicht war es dieser Kontrast, der mich so tief traf: Ich, der seit Monaten von einem inneren Sturm getrieben wurde, immer auf der Suche nach der nächsten Antwort, der nächsten Entscheidung, und über mir dieser Turm – unbewegt, wortlos, unerschütterlich. Er hatte keine Eile. Kein Bedürfnis, ständig den Kurs zu ändern. Kein Zittern vor dem, was kommen könnte.

Ich fragte mich: Wann hatte ich zuletzt so gestanden? Nicht im physischen Sinn, sondern innerlich. Standgehalten, ohne gleich wieder loszurennen, nur weil ein neuer Wind wehte. Wann hatte ich zuletzt einfach meinen Platz eingenommen, ohne mich an jeder vorbeiziehenden Strömung zu orientieren?

Der Turm schien mir genau das zu sagen: Finde deinen Platz. Steh ihn durch. Dein Licht muss nicht allen gefallen – es muss nur für die leuchten, die es wirklich brauchen.

In dieser stillen Minute, während meine Familie um mich herum lachte, als wäre die Welt vollkommen in Ordnung, fühlte ich etwas, das ich lange nicht gespürt hatte: Klarheit. Nicht, weil alle Fragen beantwortet waren, sondern weil ich begriff, dass Orientierung nicht von Antworten kommt – sondern vom Stehenbleiben, vom Festhalten am eigenen Kurs, auch wenn ringsum alles in Bewegung ist.

Es war, als würde eine unsichtbare Kamera langsam von der Weite des Meeres heran auf mein Gesicht fahren, den Blick hochziehen zum Turm, und dann wieder zurück – und plötzlich war klar: Wir beide standen hier aus demselben Grund.

Plötzlich spürte ich etwas, das sich nicht in Worte fassen ließ. Da stand etwas – nicht laut, nicht prahlerisch, einfach nur da. Ein Wächter, der nachts sein Licht sendet, ohne einen Dank zu erwarten.

Ich betrachtete ihn lange. Dieses Bauwerk strahlte Ruhe aus, so wie man sie nur bei etwas findet, das nicht jedem Trend hinterherrennt. Er steht, bei Tag und bei Nacht, egal ob Sturm oder Sonnenschein, und erfüllt seine Aufgabe. Und da war mir klar: Das ist es, was uns oft fehlt – Menschen oder Werte, die einfach nur stehen, ohne sich von jedem Windstoß umwerfen zu lassen. In der Rückbesinnung an diesen Moment drängt sich mir eine Frage auf.

Wo sind all die Leuchttürme in unserem Leben?

Wo sind all die Leuchttürme in unserem Leben? Nicht die grellen Showscheinwerfer, die heute groß blenden und morgen schon weiterziehen. Ich meine die stillen Lichter, die nicht werben, nicht locken, nicht fordern – sie sind einfach da.

Wer war euer Leuchtturm? Für mich waren es selten die Lautesten. Es waren kluge Ratschläge zur richtigen Zeit, ein kurzer Satz, der tiefer wirkte als jedes lange Gespräch. Menschen, die nicht nur reden, sondern vorleben. Die bei Wind und Wetter stehen, nicht perfekt, aber ehrlich – und dadurch glaubwürdig. Ich hatte nie nur den einen. Entlang der Küste des Lebens stehen viele Türme. Manche weit sichtbar, andere klein und unscheinbar – doch jeder wichtig, damit man nicht vom Kurs abkommt.

Und wenn ich ehrlich bin: Zwei Lichter tragen die größte Reichweite in meinem Leben. Meine Eltern – allen voran mein Vater – und danach die Großväter und Großmütter. Sie haben nie mit Fanfaren geleuchtet. Kein großes Pathos, keine großen Worte. Es waren Blicke, die sagten: „Steh hin.“ Hände, die zupackten, wenn es drauf ankam. Sätze, die nicht gefallen wollten, sondern gehalten haben. Ihr Licht hat nie versucht, mich zu binden; es hat mir den Horizont gezeigt. Sie waren keine Navigatoren, die mir jeden Kurs diktiert haben, aber ihre Helligkeit hat mir die Klippen verraten. In Nächten, in denen mein Kompass zu zittern schien, hat dieses Licht gereicht, um die Richtung wiederzufinden.

Ein echter Leuchtturm will nichts von dir. Er steht – auch wenn du dich gegen ihn entscheidest. So war es bei meinen Eltern und Großeltern: kein Zwang, kein Glitzern, keine Drohung. Nur dieses stille, verlässliche Licht, das sagt: „Da ist Land. Der Rest ist deine Verantwortung.“

Aus diesem Licht habe ich meinen Kompass gebaut. Nicht aus Parolen und nicht aus dem Beifall des Tages, sondern aus gelebter Verlässlichkeit. Wenn heute die Empörungsfeuer am digitalen Strand aufflammen, schaue ich zuerst auf die Nadel und dann in den Himmel. Sterne lügen nicht, und echte Leuchttürme blenden nicht. Was bleibt, ist der Kurs. Und die Aufgabe, das Licht weiterzugeben – ohne zu blenden, ohne zu verbrennen, ohne anderen zu verbieten, was man selbst nicht einhalten kann.

So stehe ich da, soweit ich es kann: nicht als Richter, sondern als Lichtquelle zweiter Hand. Das Original war vor mir da. Ich trage nur weiter, was mir den Weg zum sicheren Hafen gezeigt hat. In einer Welt, die immer lauter wird, ist das größte Geschenk manchmal dieses stille, verlässliche Leuchten. Es reicht, um in der Nacht nicht zu stranden – und am Tag den Mut zu haben, wieder auszulaufen.

Doch es gibt auch falsche Leuchtfeuer.

Früher stellten sie Piraten an die Küste, um Schiffe ins Verderben zu locken. Heute brennen sie vor allem digital. Aber auch im privaten und geschäftlichen Umfeld sind diese Blender nicht selten. Sie locken mit schnellen Wahrheiten, schicken Parolen und Empörungsstürmen. Sie wollen nicht führen, sondern ziehen – und das nicht selten ins seichte Wasser, wo man festläuft, immer zu ihrem persönlichen Vorteil, nie für die Gemeinschaft. Am Tag, wenn das Licht wieder klar wird, sind sie verschwunden und mit ihnen auch vieles von Wert. Zurückbleiben nur die Schäden, wie eine tiefe Leere und Unsicherheit. Mit der Beute ist das Leuchtfeuer verschwunden.

Ein echter Leuchtturm will nichts von dir – er ist einfach da, ob du ihm folgst oder nicht. Ein falsches Leuchtfeuer dagegen hat die Absicht, dich unbedingt anzuziehen, dich binden, dich abhängig zu machen, bis du alles verloren hast. Und genau da liegt der Unterschied.

Und dann kam die Frage: Was möchte ich selbst sein?

So schaue ich auf meine kleine Familie. Im Hintergrund sehe ich immer noch den echten Leuchtturm, sein Licht schweift über das Meer, und er erinnert mich daran, dass nun ich an der Reihe bin. Vorleben. Da sein. Still stehen, wenn es stürmt, und anderen den Weg weisen, ohne sie zu drängen.

Doch so klar das klingt – ich bin nicht frei von Zweifeln. Vielleicht zweifle ich an mir selbst lauter als an jedem anderen. Denn auch ich bin schon falschen Leuchtfeuern gefolgt, habe Lichter verwechselt und bin gestrandet, bevor ich den Unterschied begriff. Im Rückblick erkenne ich die Täuschung, aber in dem Moment wollte ich glauben, dass es der richtige Weg sei. Das Eingeständnis bleibt: Nicht jede Narbe kommt vom eigenen Mut, manche von der eigenen Blindheit.

Gerade deshalb weiß ich, wie wichtig es ist, den Unterschied zu spüren. Ein Leuchtturm kann nicht jedem gefallen. Er ist nicht flexibel, nicht verhandelbar. Er steht. Und genau das macht ihn wertvoll. Er dreht sich nicht nach dem Wind der öffentlichen Meinung. Er schaltet sein Licht nicht aus, nur weil einer sagt, es sei zu hell.

Vielleicht ist das das Geheimnis: Leuchtturm sein, ohne zu blenden. Licht geben, ohne zu verbrennen. Ein Beispiel leben und niemals anderen verbieten, was man selbst nicht einhalten kann.

Und wenn ich eines gelernt habe, dann dies: In einer Welt, die immer lauter wird, ist das größte Geschenk manchmal das stille, verlässliche Licht.

Der Leuchtturm im Leben
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