Ein Kreuz ersetzt keinen Umweltsinn
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Über ein grünes Weltbild, das Natur liebt – solange sie nicht stinkt, kratzt, kostet oder Arbeit macht
Mich treibt gerade ein Gedanke um:
Was ist eigentlich aus dem alten Verständnis von „grün“ geworden?
Mein Problem ist nicht grün.
Mein Problem ist ein grünes Weltbild, das Natur nur noch aus sicherer Distanz kennt.
Wie eine Fernreise aus dem All-inclusive-Resort. Man erzählt hinterher von Kultur, von Begegnung, von fremden Ländern und neuen Eindrücken. In Wahrheit kannte man vor allem Pool, Buffet, klimatisierte Lobby und höflichen Service. Das Land blieb draußen. Die Zumutung blieb draußen. Die Wirklichkeit blieb draußen.
So ähnlich wird heute oft Natur betrachtet.
Konsumiert.
Kuratiert.
Pädagogisch begleitet.
Gefiltert.
Erklärt.
Aber nicht wirklich durchlebt.
Früher kam das Grüne oft von Menschen, die Natur nicht aus dem Prospekt kannten, sondern aus dem Alltag. Von Menschen, die mit Wetter, Boden, Ernte, Dreck, Mist, Insekten, Ausfällen, Krankheit, Trockenheit, Nässe und echter Arbeit lebten.
Natur war schön.
Aber sie war nie harmlos.
Sie war anstrengend.
Unberechenbar.
Geruchsstark.
Widerspenstig.
Und manchmal schlicht ungerecht.
Heute wird mir Umweltschutz oft von Menschen erklärt, die Natur vor allem in geführter Form erleben. Mit dem E-Bike auf gut ausgebauten Wegen. Auf ausgesuchten Touren. Sauber verpackt. Mit Hinweistafel, App und Einkehrmöglichkeit. Bitte naturnah, aber ohne zu viele Mücken. Bitte ökologisch, aber ohne Gestank. Bitte ursprünglich, aber mit gutem WLAN.
Man ärgert sich über Insekten auf der Terrasse und unterschreibt am Abend die Initiative zu ihrem Schutz.
Man fordert naturnahe Lebensmittel, aber bitte rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, perfekt sortiert, makellos, bezahlbar und im Idealfall mit Erdbeeren im Dezember.
Handgepflückt natürlich.
Nur bitte nicht von einem selbst.
Natur ohne Zumutung ist Kulisse
Das ist für mich der große Widerspruch.
Man will Natur.
Aber nicht ihre Zumutungen.
Man will Landwirtschaft.
Aber nicht ihren Geruch.
Man will Regionalität.
Aber nicht ihren Preis.
Man will Tierwohl.
Aber bitte keine sichtbaren Ställe.
Man will Biodiversität.
Aber bitte keine Wespen am Kuchen.
Man will Weinberge als Kulturlandschaft.
Aber bitte den Wein zum Supermarktpreis.
Man will das gute Gewissen.
Aber nicht den Preis der Wirklichkeit.
Und genau deshalb tue ich mich inzwischen schwer mit einem „Grün“, das mir von Menschen erklärt wird, die das Grün selbst nie wirklich kennengelernt haben.
Die Landwirtschaft gut finden, aber nicht vor der eigenen Haustür.
Die Bio wollen, aber möglichst billig.
Die Regionalität feiern, solange sie nicht mehr kostet.
Die Klimaschutz wählen, aber ihre Tochter jeden Tag mit dem Auto zur Schule fahren, obwohl ein Bus fährt.
Die von Verzicht reden, aber am Wochenende nach Barcelona fliegen, weil man „mal raus muss“.
Ein Kreuz auf dem Wahlzettel ersetzt keinen Umweltsinn.
Es ist einfach, grün zu wählen.
Es ist schwerer, grün zu leben.
Der Misthaufen im Allgäu
Ich muss dabei immer wieder lachen – oder mich ärgern –, wenn ich an unsere Gegend denke.
Im Industrieland Heilbronn hat man es geschafft, fast jeden Misthaufen wegzudiskutieren, weil er stinkt. Landwirtschaft soll bitte niemanden belasten. Weder optisch noch geruchlich. Auf dem Land sollen Felder schön aussehen, Kühe niedlich sein und Bauern bitte dankbar lächeln, wenn sie von Menschen erklärt bekommen, wie nachhaltige Landwirtschaft funktioniert.
Aber im Allgäu steigt man aus dem Auto, atmet tief ein und schwärmt von der guten, ursprünglichen Luft.
Neben genau dem Misthaufen, den man zuhause niemals dulden würde.
Dort ist es Romantik.
Zuhause ist es Belästigung.
Das ist kein Umweltbewusstsein.
Das ist Naturtourismus mit moralischem Überbau.
Landwirtschaft ist keine Kulisse
Vielleicht regt mich das auch deshalb so auf, weil ich Landwirtschaft noch anders kennengelernt habe.
Nicht als Kulisse.
Nicht als Wochenendgefühl.
Nicht als Lifestyle.
Sondern als Arbeit.
Bei uns wurde nicht deshalb wenig gespritzt, weil irgendein urbanes Milieu das als Haltung entdeckt hatte. Es wurde wenig gespritzt, weil schlicht nicht immer Geld dafür da war. Dann war Familienarbeit eben günstiger als Chemie.
Das war keine Romantik.
Das war Realität.
Und selbst da gab es Unterschiede. Die einen wirtschafteten vernünftig. Die anderen wollten aus dem Acker einen Golfplatz machen. Auch früher war nicht alles besser. Es gab gute Bauern, schlechte Bauern, kluge Entscheidungen und dumme. Aber es gab ein Grundverständnis dafür, dass Natur nicht einfach Wunschdenken folgt.
Ein Acker fragt nicht nach Ideologie.
Ein Acker fragt nach Wetter, Boden, Arbeit, Wissen, Zeitpunkt, Risiko und Geduld.
Und wer das nie erlebt hat, sollte wenigstens etwas vorsichtiger sein, wenn er anderen erklärt, wie Landwirtschaft zu funktionieren hat.
Weinbau zeigt die ganze Verlogenheit
Man sieht es gerade im Weinbau besonders deutlich.
Steillagen, Terrassen, Trockenmauern, alte Kulturlandschaften – das sind keine romantischen Postkarten, die zufällig in der Landschaft stehen. Das sind Ergebnisse von Generationen harter Arbeit. Baden-Württemberg beschreibt Steillagenweinbau ausdrücklich als Kulturgut ersten Ranges, geprägt durch Familienbetriebe, kleine Strukturen, biologische Vielfalt und nachhaltige Landbewirtschaftung.
Aber diese Kulturlandschaften tragen sich nicht durch Applaus.
Sie tragen sich durch Arbeit.
Und Arbeit kostet.
Gerade Steillagenweinbau ist brutal aufwendig. Eine wissenschaftliche Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass manuelle Bewirtschaftung in Steillagen etwa 2,6-mal so teuer sein kann wie Weinbau in flacher Standardlage.
Das muss man sich einmal klarmachen.
Da steht nicht einfach ein Winzer im Sonnenuntergang und schneidet beseelt ein paar Reben. Da geht es um Handarbeit, Löhne, Auflagen, Maschinen, Wege, Mauern, Sicherheit, Wetter, Ernte, Risiko und Vermarktung.
Und dann steht derselbe Kunde, der vom nachhaltigen regionalen Wein schwärmt, im Regal und greift zur Fünf-Euro-Flasche aus Italien.
Nicht, weil er Italien hasst.
Sondern weil ihm sein gutes Gewissen an der Kasse plötzlich doch nicht so viel wert ist.
Der regionale Wein für sieben, acht oder zehn Euro ist dann zu teuer.
Aber die Kulturlandschaft soll bitte bleiben.
Die Trockenmauer soll bleiben.
Der Hang soll gepflegt aussehen.
Der Winzer soll weitermachen.
Der Ort soll Charme behalten.
Die Landschaft soll Touristen anziehen.
Die Biodiversität soll geschützt werden.
Nur bezahlen will man es nicht.
Das ist der Punkt.
Man kann nicht alles wollen und nichts tragen.
Klimaschutz als moralisches Accessoire
Und jetzt kommt der nächste Widerspruch.
Da sagt jemand: „Ich wähle grün, weil man ja etwas fürs Klima tun muss.“
Das klingt erst einmal anständig.
Natürlich muss man etwas für Umwelt, Klima und Natur tun. Ein Land, das seine Böden, Wälder, Gewässer, Kulturlandschaften und landwirtschaftlichen Grundlagen ruiniert, sägt an der eigenen Zukunft.
Aber ein Wahlkreuz ist noch keine Lebenshaltung.
Wer Klimaschutz wählt, aber jede Alltagsbequemlichkeit verteidigt, sollte wenigstens nicht so moralisch auftreten.
Wer mit dem Auto fährt, obwohl der Bus möglich wäre, muss nicht gleich ein schlechter Mensch sein.
Aber er sollte nicht so tun, als sei das Problem immer nur bei den anderen.
Wer am Wochenende für zwei Tage nach Barcelona fliegt, weil man „mal raus muss“, darf das tun.
Aber er sollte danach nicht mit erhobenem Zeigefinger dem Handwerker erklären, dass sein Diesel ein gesellschaftliches Problem sei.
Wer Regionalität fordert, aber nur den billigsten Preis bezahlt, hat Regionalität nicht verstanden.
Wer Tierwohl fordert, aber Fleisch, Milch, Eier und Hundefutter zu Preisen erwartet, bei denen niemand mehr vernünftig arbeiten kann, hat Tierwohl nicht verstanden.
Wer Landwirtschaft romantisiert, aber Bauern misstraut, hat Natur nicht verstanden.
Die Klimaszenarien und die Demut, die fehlt
Auch in der Klimadebatte müsste jetzt mehr Demut einziehen.
Nicht, weil der Klimawandel plötzlich verschwunden wäre. Das wäre Unsinn.
Aber weil sich zeigt, dass politische Kommunikation zu lange mit extremen Szenarien gearbeitet hat, als wären sie der wahrscheinlichste Verlauf. Das bekannte Hochszenario RCP8.5 beziehungsweise SSP5-8.5 wird in der neuen CMIP7-ScenarioMIP-Systematik nicht mehr als plausibler oberer Standardpfad behandelt; die neuen Szenarien sollen hohe, mittlere und niedrige Klimapfade differenzierter abbilden.
Schon 2020 warnten Zeke Hausfather und Glen Peters in Nature, dass es irreführend ist, Worst-Case-Szenarien als „business as usual“ zu behandeln; realistischere Baselines seien die bessere Grundlage für Politik.
Das heißt nicht: Alles egal.
Das heißt: Besser rechnen. Ehrlicher sprechen. Weniger Angstkulisse. Mehr Wirklichkeit.
Wenn politische Akteure aber aus einer Neubewertung von Grundannahmen sofort den eigenen Erfolg basteln, wird es absurd.
Dann heißt es plötzlich: Seht her, unsere Politik wirkt.
Moment.
Wenn Wissenschaftler andere Annahmen treffen, alte Hochszenarien neu einordnen und Zukunftspfade differenzierter modellieren, dann ist das nicht automatisch der Orden für deutsche Transformationspolitik.
Die Erde ist keine Scheibe.
Aber sie ist auch keine deutsche Pressemitteilung.
Die grüne Komfortzone
Vielleicht ist das mein eigentliches Problem mit dem modernen Grün.
Es ist oft nicht mehr Naturverbundenheit.
Es ist Komfort mit gutem Gewissen.
Man will die Annehmlichkeiten der modernen Welt behalten, aber sich moralisch davon absetzen. Man will reisen, konsumieren, heizen, fahren, bestellen, streamen, fliegen, genießen – und gleichzeitig das Gefühl haben, auf der richtigen Seite zu stehen.
Dann wird Grün nicht mehr Lebensweise.
Sondern Selbstbeschreibung.
Und Selbstbeschreibung ist billig.
Wirklichkeit ist teuer.
Wirklichkeit heißt: Ich kaufe regional, auch wenn es mehr kostet.
Ich akzeptiere Landwirtschaft vor meiner Haustür, auch wenn sie riecht.
Ich fahre nicht jeden Weg mit dem Auto, nur weil es bequemer ist.
Ich kaufe Wein nicht nur nach Preis, sondern nach Herkunft und Arbeit.
Ich verlange Tierwohl nicht nur im Gespräch, sondern bezahle es an der Kasse.
Ich ertrage Insekten, wenn ich Biodiversität will.
Ich akzeptiere, dass Natur nicht immer Wellness ist.
Ich höre Bauern zu, bevor ich ihnen erkläre, wie Boden funktioniert.
Das wäre grün.
Nicht perfekt. Nicht ideologisch rein. Aber ehrlich.
Natur ist kein Prospekt
Natur ist nicht der Waldweg aus dem Tourismusflyer.
Natur ist auch Zecke, Mücke, Schlamm, Mist, Frost, Pilzdruck, Dürre, Hagel, Arbeit und Verlust.
Natur ist nicht nur Sonnenuntergang über Reben.
Natur ist auch der Winzer, der nicht weiß, ob sich der Hang nächstes Jahr noch lohnt.
Natur ist nicht nur Kuh auf Almwiese.
Natur ist auch Stallarbeit, Tierarzt, Futterkosten, Mistplatte und Bürokratie.
Natur ist nicht nur Erdbeere im Körbchen.
Natur ist auch Rückenarbeit, Saisonkräfte, Wetterrisiko und der Kunde, der perfekte Ware zum falschen Preis erwartet.
Wer Natur nur konsumiert, wird sie nie verstehen.
Und wer Landwirtschaft nur romantisiert, wird sie am Ende zerstören.
Was ich noch zu sagen hätte
Mein Problem ist nicht grün.
Mein Problem ist ein Grün, das Natur liebt, solange sie nicht stört.
Ein Grün, das Landwirtschaft will, aber unsichtbar.
Regionalität will, aber billig.
Biodiversität will, aber ohne Insekten.
Tierwohl will, aber ohne Preis.
Klimaschutz will, aber ohne Verzicht.
Moral will, aber ohne Zumutung.
So ein Grün kann ich nicht ernst nehmen.
Denn Umweltschutz beginnt nicht mit dem Kreuz auf dem Wahlzettel.
Er beginnt dort, wo es unbequem wird.
An der Kasse.
Im Alltag.
Beim eigenen Auto.
Beim eigenen Urlaub.
Beim eigenen Konsum.
Beim eigenen Verhältnis zu Arbeit, Landwirtschaft und Natur.
Und vielleicht wäre das die ehrlichste Frage an viele, die sich heute so gerne grün nennen:
Liebst du Natur wirklich?
Oder liebst du nur das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen?