Kuschelkissen-Republik – Wenn Selbstfürsorge zur Ausrede wird

Ich sitze in einem Wartezimmer, irgendwo zwischen Zimmerpflanze und Duftlampe. An der Wand hängt ein Poster: „Du bist dir selbst genug.“ Daneben, fast wie ein stilles Dementi, das Aushangblatt der Krankenkasse: Zahlungsziel 14 Tage. Das ist der Riss, durch den die Wahrheit hereinzieht. In den Spruchkalendern klingt Freiheit nach Vanille. In der Buchhaltung riecht sie nach Schweiß.

Ich glaube nicht, dass Psychotherapie per se Narzissten baut. Gute Therapie ist ein Werkzeug, kein Thron. Sie hilft dir, die eigenen Schatten zu erkennen, damit du nicht im Namen des Guten andere an die Wand nagelst. Sie ist schonungslose Freundlichkeit: freundlich zum Menschen, schonungslos zur Ausrede. Das Problem beginnt dort, wo Therapie zur Kulisse wird und Selbstfürsorge zum Freibrief. Wo „Hör auf dich“ verwechselt wird mit „Hör nur auf dich“. Wo „Grenzen setzen“ heißt: Ich komme nicht, ich kann nicht, ich will nicht – und irgendjemand soll bitte die Rechnung begleichen.

„Einen Scheiß muss ich“ funktioniert im Sandkasten. Im Erwachsenenleben heißt es Vertrag. Du unterschreibst einen Arbeitsvertrag, einen Kaufvertrag, einen Ehevertrag, etc. du trägst damit auch Pflichten. Im Falle eines Arbeitsvertrags unterschreibe ich als Arbeitgeber die Pflicht eines Lohnlaufs. Wenn ich „nach innen“ höre und es leise flüstert, heute mal nicht zu bezahlen, bin ich kein Freigeist, ich bin säumig. So einfach, so unpoetisch. Ich höre mich jedoch oft innerlich sagen, „Einen Scheiß muss ich dir den Lohn überweisen. Ich habe heute früh in mich hineingehört, und mein inneres Kind wollte lieber Eis essen statt Überweisungen freigeben. Mein inneres Ich sieht Geld sowieso bei mir in den besseren Händen“. Die Bank hat auch ganz fein auf sich gehört und beschlossen, deine Lastschrift mal platzen zu lassen, Selbstfürsorge, weißt du. Meine Lieferanten? Die Mitarbeiter sind alle in ihrem Safe-Space und haben leider keine Lust auf Rechnungsstellung. Der Steuerberater? Der macht gerade Achtsamkeitsmeditation und fühlt sich einfach nicht danach, Zahlenkolonnen zu prüfen. Stell dir vor, wir alle würden so handeln: die Wirtschaft als riesiges Kuschelkissen, jeder in seiner kleinen Wohlfühlhöhle, keiner mehr draußen am Ruder. Schön warm vielleicht – aber das Schiff säuft ab. Und ja, der Satz macht krank im Magen, weil er eine ganze Haltung entlarvt: Wir feiern Rechte wie Gewinne und behandeln Pflichten wie Übergriffe. Freiheit ohne Last ist Infantilität im Designeroutfit.

Das gilt auch fürs ewige Schuldarchiv. Natürlich prägt Herkunft. Manche Biografien sind mit Schotter gepflastert, andere mit Glasscherben. Aber wenn das eigene Leben zum Prozess wird, in dem die Eltern lebenslang Angeklagte sind und wir selbst nie aus der Zeugenrolle herauskommen, geht etwas Wesentliches verloren: Handlungsmacht. Wer nur erklärt, warum er so geworden ist, erklärt selten, wohin er jetzt geht. Reife beginnt, wenn der Satz „Es war schwer“ sich paart mit „und jetzt bin ich dran“.

„Ich will das Leid nicht kleinreden. Es gibt Traumata, die sind keine Stilfragen, sondern Brüche. Es gibt Wunden, die gehören in fachkundige Hände, nicht in Küchenpsychologie. Doch nicht jede Zumutung ist ein Verbrechen, und nicht jeder Schmerz ein Rechtsfall. Manchmal ist es schlicht: das rauhe Wetter des Lebens. Zusammenleben ist geübte Zumutung – nicht romantisch, aber wahr. Wer nur in sich hineinspürt, aber nie gegen sich antritt, verwechselt Tiefe mit Temperatur.

Ich erinnere mich gut an meine Lehrjahre. Meine Großeltern hatten diesen alten Satz im Mund: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Und da stand ich dann, frisch in der Ausbildung zum Optiker, mit dem Lappen in der Hand vor dem Schaufenster. Oft fragte ich mich, ob das Putzen von Glasflächen wirklich Teil des Berufs war, den ich lernen wollte. Aber ich kam nicht im Traum darauf, das als Zumutung oder gar als Übergriff zu sehen. Ich tat es einfach – so wie Karate Kid den Pinsel schwang, ohne den Meister zu hinterfragen. Natürlich war es stumpf, natürlich verstand ich nicht sofort den Sinn, aber es formte etwas in mir: Disziplin, Demut, den Respekt vor Arbeit, die keiner sehen will. Heute höre ich, dass Lehrlinge solche Aufgaben ablehnen, weil sie sich dafür zu schade fühlen. Macht sie das zu besseren Handwerkern? Nein. Muss man sich alles gefallen lassen? Auch nein. Aber irgendwo zwischen Demut und Hochmut liegt das Handwerk des Lebens.

Und genau da beginnt auch die eigentliche Selbstfindung. Nicht in der endlosen Innenschau, nicht im ständigen Rückzug ins eigene Ich, sondern dort, wo ich mich zumute – mir selbst und anderen. Ich finde mich nicht, indem ich mich vor Pflichten drücke, sondern indem ich mich ihnen stelle. Das Putzen des Schaufensters hat mich mehr über mich selbst gelehrt als mancher kluge Satz aus einem Selbsthilfebuch. Denn wer Pflichten nur als Übergriff empfindet, beraubt sich am Ende der Chance, den eigenen Wert wirklich zu begreifen. Selbstfindung ist kein Wellness-Retreat. Sie ist die Fähigkeit, sich in der Zumutung nicht zu verlieren, sondern sich gerade darin zu entdecken.“

Die Wellness-Industrie verkauft uns Selbstkontakt wie eine Duftkerze: anzünden, dann leuchtet das Leben. Ich habe anderes gelernt. Spüren ohne Prüfen ist Esoterik. Prüfen ohne Spüren ist Zynismus. Der Kompass im Herzen braucht den Kartenkurs im Kopf. Also stelle ich mir drei unbequeme Fragen, bevor ich einem Mantra folge. Erstens: Wenn alle so handelten wie ich jetzt – hielte eine Mannschaft, eine Firma, eine Familie das aus? Zweitens: Trägt meine Freiheit die Folgekosten oder wälzt sie sie ab? Drittens: Werde ich durch diese Entscheidung größer – oder nur unantastbarer? Wenn eine Antwort nach Ausrede schmeckt, ist sie es oft.

Ein Therapeut, der mir in solchen Momenten beipflichtet, ist kein Helfer, sondern ein höflicher Komplize. Ein guter würde mir die Wahrheit hinlegen wie ein kaltes Handtuch ins Gesicht: „Sie sind frei, nicht zu kommen – aber dann tragen Sie die Konsequenzen. Wollen Sie Selbstbestimmung oder Schonung?“ Das ist kein „Reiß dich zusammen“ der alten Schule, das ist moderne Verantwortung: Ich nehme mich ernst, indem ich mich zumute. Mir selbst. Den anderen. Dem Werk.

Wir haben ein kulturelles Missverständnis kultiviert: Selbstliebe als Schonraum statt als Startblock. Selbstliebe heißt nicht, sich jeder Friktion zu entziehen. Sie heißt, sich so zu respektieren, dass man sich etwas zumutet: zu lernen, zu arbeiten, auszuhalten, wieder anzufangen. Wer sich immerzu „schützt“, verlernt Stand. Wer nur „setzt Grenzen“, baut irgendwann Mauern, hinter denen er alleine wohnt – und nennt die Stille dann Frieden.

Ich erzähle das nicht aus der Loge des Besserwissers. Ich kenne meine Fluchten, meine weichen Auswege, meine schönen Begründungen. Ich habe sie geübt wie andere Tonleitern. Aber ich kenne auch das andere: den Geschmack, wenn man sein Wort hält, obwohl der innere Wetterbericht Sturm meldet. Es ist der leise Stolz, abends aufrecht auf die Bank vor dem Haus zu sitzen und dem Tag ohne Mantra in die Augen zu sehen. Kein Heldentum. Handwerk.

Vielleicht ist das die Unterscheidung, die heute fehlt: Therapie als Werkstatt statt als Wohnzimmer. In der Werkstatt wird repariert, vermessen, neu justiert. Man geht dorthin, um wieder fahrtüchtig zu werden, nicht um einzuziehen. Danach fährt man raus auf die Straße, in Regen und Verkehr. Und dort gilt: Blinker setzen, Schulterblick, Vorfahrt achten. Rechte und Pflichten – kein romantisches Paar, aber das einzige, das die Strecke sicher macht.

Also, was tue ich mit dem Satz „Die Psychotherapie produziert nur noch Narzissten“? Ich lege ihn auf den Tisch und schneide ihn auseinander. Ein Teil ist wahr: Es gibt eine narzisstische Wellnesskultur, die sich in die Sprache der Heilung kleidet und am Ende nur das Ego polstert. Ein anderer Teil ist falsch: Seriöse Psychotherapie ist das Gegenteil von Selbstverherrlichung – sie ist ein Training in Wirklichkeitsverträglichkeit. Sie baut nicht Kathedralen um dein Ich, sie montiert Geländer an deine Stufen.

Und ich? Ich will keine Absolution, ich will Haltung. Ich will einen Satz, der keine Likes sammelt, aber morgens taugt: Du bist verantwortlich. Für dich. Für dein Wort. Für die, die auf dich zählen. Hör auf dich – ja. Aber hör nicht nur auf dich. Hör auf den Menschen, der dir vertraut. Auf die, die deinen Lohn erwarten. Auf die Kinder, die schauen, wie du fährst, nicht wie du postest. Hör auf den Kompass im Herzen – und auf die Karte im Handschuhfach.

Der Sturm im Kopf wird bleiben. Gut so. Er hält wach. Aber wenn der Sturm tobt, will ich nicht mehr zum Guru rennen, der mir das Wetter schönredet. Ich will den Leuchtturm sehen: still, deutlich, unbestechlich. Er flüstert nichts. Er zeigt. Kurs halten, sagt er. Rechte. Pflichten. Menschlichkeit. Und wenn ich anlege, ohne jemanden gerammt zu haben, weiß ich: Heute war ich kein König meiner Gefühle. Heute war ich Bürger. Das reicht. Das trägt. Das macht frei.

Den Kompass in der Hand
Zurück zum Blog